Heimat

Nachfolgend einige Gedanken zum Heimatbegriff. Ursprünglich war das mein Kommentar zu einem verlinkten Artikel der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Brandenburgs auf Facebook. Verlinkt wurde dieser Artikel: Unsere Heimaten

Den Kommentar habe ich dann dort aber wegen seiner FB-untypischen Länger wieder gelöscht und lediglich hierher verlinkt.

Eingeleitet wurde der Artikel „Unsere Heinaten“ so:

„Was ist das eigentlich, Heimat? Damit die Heimat eine Zukunft haben kann, muss sie aus dem engen Korsett der Herkunft befreit werden, meint Jutta Allmendinger „

Mein Kommentar:

„Damit die Heimat eine Zukunft haben kann, muss sie aus dem engen Korsett der Herkunft befreit werden, meint Jutta Allmendinger“ – Dem stimme ich hundertprozentig zu, halte aber den dazu verlinkten Text für nicht hilfreich, eher kontraproduktiv.

Im Artikel werden meiner Meinung nach gleich zwei beliebte Kardinalfehler begangen.
Zum einen wird der Ursprung des „herkunftsbezogenen“ Heimatgefühls falsch verortet. Dieser lag nicht in der Nazizeit. Der auch aus meiner Sicht „falsche“ Heimatbegriff trug dazu bei, den Nationalsozialismus zu ermöglichen. Die Nazis trieben es dann nur auf die Spitze.

Dieser Heimatbegriff hat seinen Ursprung in der Mitte des 19. Jh. Damals wuchs in ganz Europa das nationale Denken. Das war sogar etwas durchaus fortschrittliches. Es führte letztendlich zum Ende des Absolutismus in Europa und zu einer gewissen Demokratisierung und auf dem Gebiet, das heute als Deutschland bezeichnet wird zur Reichseinigung 1871. Aus dieser Zeit stammt der heutige Heimatbegriff und wurde dann aber rechtbald häßlich, da er sich eben auch hervorragend zur Manipulation und Steuerung für die Intressen einiger Weniger eignete, und den Bürger zu willigen Handlangern, voll falschen patriotischen Feuers degradierte. Dies gelang, weil dieser neue Heimatbegriff eben nur von künstlichen, quasi frei konfigurierbaren Etiketten ohne tatsächlichen Bezug zum vor Ort Greif- und Begreifbaren definiert wurde.

Für den zweiten Fehler halte ich die Zuordnung von Affinitäten unter die Überschriften „bildungsreich“ und „bildungsarm“. Dies folgt im Grunde dem gleichen Schema, wie das aufkommen des kritisierten Heimatbegriffs im 19. Jh. Als modern und gebildet galt, wer national dachte. Die „Bauern“ auf dem Lande, welche statt Hochdeutsch ihre Mundart pflegten und denen ihre Scholle näher war als die Idee eines geeinten Deutschen Reiches, waren das dumme Pack. So ist also nicht auszuschließen, daß einige sich ihren Heimatbegriff weniger aus Überzeugung, sondern vielmehr als Beweis für die vermeintliche Zugehörigkeit zu einer besseren Schicht aneigneten. Man war auf der Seite der Fortschrittlichen, keiner möchte gern altbacken oder ungebildet wirken.

Jemand der heute einen Abschluß in Jura oder BWL hat, mag intelligent, schlau, strukturiert sein und bei entsprechender Anstellung auch zur wirtschaftlichen Oberschicht gehören; aber dies hat etwas mit Ausbildung zu tun, ist aber noch nicht das, was Bildung eigentlich ausdrückt.

Wenn man Menschen in dieser Frage also mit den eigentlich an dieser Stelle falsch verwendeten Begriffen als „bildungsreich“ und „bildungsarm“ klassifiziert, verhärtet man Fronten, anstatt eine diese aufzuweichen befähigte Erklärung der Umstände abzugeben. Es ist überflüssig und schadet nur, also lassen wir das. In bestimmten Schichten sind bestimmte Bekenntnisse einfach eher opportun, daher werden sie vornehmlich abgegeben, nicht zwingend aus Überzeugung, „oben“ wie „unten“ – meine ich zumindest.

Gerade wir Brandenburger können auf einer Historie zurückblicken, die dem geforderten Heimatbegriff viel näher ist, als es viele Brandenburger bisher wahrhaben wollen. Wir sind seit jeher ein Einwanderungsland, eine bunte Promenadenmischung aus Menschen aller Herren Länder. Diese Einwanderer wurden über die Region in der sie lebten miteinander verbunden und somit zu Brandenburgern. Daß „jeder nach seiner Facon“ selig werden solle, mag zuerst vom Alten Fritz überliefert sein, ist aber im Prinzip schon deutlich länger Maxime dieses Landstrichs und auch etwas, mit dem man identitätsstiftend arbeiten könnte.

Brandenburger, später dann auch Preuße, wurde man schon immer nicht nur durch Geburt, sondern auch durch Bekenntnis. Das ist etwas, das der herkunftsbezogene Heimatbegriff überhaupt nicht zuläßt. Zu diesem Selbstbewußtsein gehört dann in letzter Konsequenz aber auch, daß allein schon aus den Ursprüngen und der Ableitung des jeweiligen Heimatbegriffes nachstehende Aussage überhaupt nicht diskriminierend ist, sondern eher die Lösung eines gedanklichen Knotens:

Kann jemand, der, egal woher, hier her kommt, sei es durch Einwanderung oder aufgrund von Asyl, Deutscher werden? Nein, das verbietet schon der dem „Deutschsein“ zugrunde liegende Heimatbegriff! Kann er Brandenburger, werden? Ja selbstverständlich, wenn er es möchte!
Ich halte es für zum Scheitern verurteilt, wenn man versucht sich weiterhin an nationalstaatliche Begriffe zu klammern und diese lediglich neu definieren möchte. Das wird bei Menschen, die von diesen Begriffen nicht ablassen wollen immer zu Widersprüchen führen. Es ist der Versuch einen Löwen zum Vegetarier zu machen. Das mag eine zeitlang gut gehen, aber dann bricht irgendwann das Verlangen nach Fleisch wieder aus. Also lösen wir uns von diesen Begriffen und etablieren dafür einen Heimatbegriff in dem die nationale Ebene nur noch Verwaltungseinheit ist aber keine sinnstiftende Rolle mehr spielt. „Nation ist Fiktion – Region ist Heimat“.

Auch eine weitere, beliebte Erscheinung sollten wir auf den Müllhaufen des Diskurs´ werfen. Die reflexartige Empörung, wenn jemand der anders aussieht, nach seiner „ursprünglichen“ Herkunft gefragt wird. Ganz schlimm ja, wenn derjenige auch noch hier geboren wurde. Da gibt es dann „Betroffene“ und Sympathisanten, die in schöner Regelmäßigkeit deswegen in Rage geraten. Warum?

In echten Einwanderungsländern, wie zum Beispiel USA oder Großbritannien – beides keine ethnischen Nationen sondern Willens-/Verfassungsnationen – ist die Herkunft der Vorfahren zu betonen eine durchaus stolze Angelegenheit und danach zu fragen, zeugt vom Interesse am Gegenüber oder einfach nur von Neugier, was auch nichts Schlimmes ist. In den USA ist man in Bewegungen wie den Irisch, Polish, German, Italian Origns organisiert und definiert sich in Teilen auch darüber. Es stört keinen, es ist kein Makel, es ist normal und man ist trotzdem Amerikaner (Verfassungsnation) ohne irgendeinen Zweifel. In ethnisch definierten Nationen geht das eben nicht so einfach, aber da haben wir ja hier den enger gefaßten Heimatbegriff und mit dem geht das dann auch wieder.

Also ja! Mehr Heimat, mehr Identität, viel mehr Region – in unserem Falle – mehr Brandenburg (in Europa) wagen! Dann erledigt sich der Nationalismus von selbst….

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